Analyse Bilder / Grafiken
Analyse medizinischer Bildgebung, Grafiken und Messdaten:
Beispiel einer Befundung eines Röntgenbildes
Systematische Beschreibung und anatomische Zuordnung der Befunde, Kennzeichnung und Benennung auffälliger oder verdächtiger Bereiche sowie Erarbeitung möglicher Differenzialdiagnosen und therapeutischer Optionen. Abschließend erfolgt die Erstellung eines strukturierten medizinischen Befundberichts
Beurteilung der Nasennebenhöhlen
Hinweis: Eine Einzelaufnahme erlaubt nur eine eingeschränkte
Beurteilung. Insbesondere die Siebbeinzellen, die Keilbeinhöhle, knöcherne
Feinstrukturen und mögliche dentale Ursachen lassen sich im CT beziehungsweise
durch eine zahnärztliche Diagnostik besser darstellen.
Systematische Befunde
Kieferhöhle rechts (im Bild links)
– Deutliche, annähernd horizontale Luft-Flüssigkeits-Grenze
– Subtotale Verschattung des unteren Anteils bei verbleibender Belüftung im oberen Abschnitt
– Hinweis auf freie Flüssigkeit beziehungsweise Sekret in der Kieferhöhle
Kieferhöhle links
– Weitgehend regelrecht belüftet
– Keine eindeutige Spiegelbildung
Stirnhöhlen
– Soweit erfasst überwiegend belüftet
– Kein eindeutiger Flüssigkeitsspiegel
Nasenhaupthöhle und Siebbeinzellen
– In dieser Projektion nur eingeschränkt beurteilbar
– Möglicherweise geringe Schleimhautschwellung beziehungsweise diskrete Septumabweichung
– Kein sicherer pathologischer Nachweis
Knöcherne Strukturen und Orbitae
– Keine offensichtliche Destruktion oder dislozierte Fraktur erkennbar
– Eine feine Fraktur kann anhand dieser Aufnahme jedoch nicht ausgeschlossen werden
Wahrscheinlichste Diagnose
Akute rechtsseitige Kieferhöhlensinusitis mit Sekretspiegel
Die horizontale Luft-Flüssigkeits-Grenze ist typisch für Flüssigkeit in
einer ansonsten luftgefüllten Nasennebenhöhle.
Bei passenden Beschwerden wäre eine akute Rhinosinusitis sehr
wahrscheinlich, beispielsweise bei:
– einseitigem Gesichtsschmerz oder Druckgefühl,
– eitriger Rhinorrhö,
– behinderter Nasenatmung,
– Fieber oder erneuter Verschlechterung nach anfänglicher Besserung
Wichtige Differenzialdiagnosen
1. Akute virale oder bakterielle Rhinosinusitis
Eine bakterielle Ursache ist wahrscheinlicher bei:
– Beschwerden über mehr als etwa zehn Tage ohne
Besserung,
– hohem Fieber und starken Schmerzen oder
– erneuter Verschlechterung nach anfänglicher
Besserung („Double Sickening“).
2. Odontogene Kieferhöhlenentzündung
Besonders zu berücksichtigen bei:
– streng einseitigem Befund,
– Zahnschmerzen,
– vorausgegangener Behandlung der Oberkiefermolaren,
– Implantaten oder unangenehmem Geruch.
In diesen Fällen sind eine zahnärztliche Untersuchung und gegebenenfalls eine DVT- oder CT-Diagnostik sinnvoll.
3. Hämosinus nach Trauma
Bei einem kürzlich erlittenen Gesichtsschädeltrauma kann der Flüssigkeitsspiegel Blut entsprechen. Dann ist ein CT des Gesichtsschädels angezeigt.
Seltenere Ursachen
Dazu gehören:
– chronische Entzündung,
– Pilzbefall oder
– Raumforderung.
Diese Ursachen sind insbesondere bei länger anhaltender, strikt einseitiger Verschattung, Blutungen, knöchernen Veränderungen oder
Therapieresistenz zu erwägen. Im vorliegenden Bild zeigt sich keine eindeutige knöcherne Destruktion.
Therapie – abhängig von Klinik und Verlauf
Bei unkomplizierter akuter Rhinosinusitis
– Analgetika wie Paracetamol oder Ibuprofen, sofern keine Gegenanzeigen bestehen
– Nasenspülungen mit steriler oder abgekochter und anschließend abgekühlter Kochsalzlösung
– Intranasales Glukokortikoid, besonders bei stärkerer Schleimhautschwellung oder allergischer Rhinitis
– Abschwellendes Nasenspray zur kurzfristigen Anwendung – nur wenige Tage, um eine Rhinitis medicamentosa zu vermeiden
– Ausreichende Flüssigkeitszufuhr
– Klinische Verlaufskontrolle
Antibiotika
Eine antibiotische Behandlung sollte nicht allein aufgrund des Röntgenbildes erfolgen. Sie kommt insbesondere infrage bei:
– schwerem Verlauf,
– hohem Fieber,
– deutlichen Entzündungszeichen,
– Beschwerden über mehr als etwa zehn Tage ohne Besserung,
– erneuter Verschlechterung nach anfänglicher Besserung,
– Immunsuppression oder erhöhtem Komplikationsrisiko.
Häufig verwendete Erstlinienpräparate sind – abhängig von lokalen
Leitlinien, Allergien und individuellen Risikofaktoren – Amoxicillin
beziehungsweise Amoxicillin/Clavulansäure. Auswahl, Dosierung und
Behandlungsdauer müssen ärztlich festgelegt werden.
Weitere Maßnahmen
1) Bei einseitigem oder rezidivierendem Befund:
HNO-ärztliche und gegebenenfalls zahnärztliche Abklärung
2) CT der Nasennebenhöhlen bei:
a. unklarem oder therapieresistentem Verlauf,
b. Verdacht auf Komplikationen,
c. vorausgegangenem Trauma oder geplanter
operativer Behandlung
3) Operative Drainage beziehungsweise FESS nur bei:
a. Komplikationen,
b. chronisch therapierefraktärer Erkrankung oder mechanischer
Abflussbehinderung
Dringliche Warnzeichen
Eine sofortige ärztliche, HNO-ärztliche oder notfallmedizinische
Abklärung ist erforderlich bei:
– Lid- oder Gesichtsschwellung,
– Schmerzen bei Augenbewegungen,
– Doppelbildern,
– Sehverschlechterung,
– stark zunehmenden Kopfschmerzen,
– Nackensteife,
– neurologischen Ausfällen,
– hohem, anhaltendem Fieber oder rascher Verschlechterung des Allgemeinzustands.
Gesamteindruck
Bildmorphologisch am ehesten akute rechtsseitige Kieferhöhlensinusitis mit Luft-Flüssigkeits-Spiegel. Eine klinische Korrelation ist erforderlich. Bei
einem streng einseitigen oder wiederkehrenden Verlauf sollte insbesondere eine dentale Ursache ausgeschlossen werden.